Aktuelle Forschungsprojekte zu Jacob Böhme

Giulia Baldelli: Form des Formlosen. Jacob Böhmes Poetik des mystischen Schreibens (AT)

Das Dissertationsprojekt untersucht zunächst anhand von ausgewählten Autographen, Abschriften und Drucken die Überformung und Veränderung der Textgrundlagen, die durch die handschriftliche Zirkulation von Böhmes Schriften sowie den Übergang in deren weitere Druck- und Rezeptionsgeschichte entstanden. Anhand der mikro- und makrotextuellen Analyse der Textgestalt der Autographen und Drucke sowie der deren Organisation und Komposition sollen Merkmale von Böhmes Schreiben und dessen rezipierendem Überschreiben herausgearbeitet werden – zunächst auch um die meist unhinterfragt zitierten Böhme-Gesamtausgaben als Produkte ihres Entstehungsprozesses zu reflektieren. Welche konkreten Konsequenzen ergeben sich beispielsweise aus der in den Drucken eingeführten Paragraphierung und Nummerierung für das Lesen und Interpretieren bestimmter übergreifender Argumentationsstränge und wie ließen sich die Texte Böhmes ohne diese einschneidenden Maßnahmen im Lichte seines Denkens lesen? Zweitens sollen besonders die handschriftlichen Zeugnisse an verschiedene texttheoretische Diskurse angeknüpft und auch mit Böhmes eigenem (sprachphilosophischen) Denken und Verfertigen dieser Gedanken als mystisches Schreiben zusammengeführt werden.

Leigh Penman: Prosopographie der Kontakte Jacob Böhmes

1624 erwähnt Böhme „mehrere hundert“ Menschen in Schlesien, Sachsen, der Oberlausitz und im norddeutschen Raum, die bereit gewesen wären, seine Schriften gegen Verleumdung zu verteidigen. In Böhmes Schriftverkehr werden namentlich wenigstens 140 Personen genannt, die als Leser, Kritiker und Kopisten sowie für die weitere Verbreitung seiner Schriften eine wichtige Rolle spielten. Als solche trugen sie nicht nur zur Sicherung von Böhmes Ansehen in der Geschichte bei, sondern gestalteten auch die Ausrichtung und den Inhalt seines theosophischen Werkes mit. Dennoch wissen wir nur wenig über das Leben, Denken und Schreiben derer, die sich in Böhmes Wirkungskreis aufhielten und ihn ermutigten. Im Rahmen dieses Projekts sollen die prosopographischen Daten zu den erwähnten Personen in Böhmes Schriftverkehr und anderen Dokumenten der Zeit gesammelt und so Böhmes Welt und dessen Rezeption beleuchtet werden. Die Publikation dieses Datenmaterials wird die Erforschung von Böhmes Werk durch die erstmalige Bereitstellung von Informationen zu Herkunft, Bildung, Interessen und Bestrebungen der Schlüsselfiguren in Böhmes Umfeld wesentlich voranbringen. Zudem werden die Netzwerke des Späthumanismus in Schlesien, der Lausitz, Sachsen und darüber hinaus neu beleuchtet.

Leigh Penman: Überarbeiteter Katalog der erhaltenen deutschsprachigen Manuskripte

Werner Buddeckes grundlegendes Verzeichnis der Handschriften und frühen Abschriften Böhmes von 1934 diente der Böhmeforschung lange als verlässlicher Bibliographie seiner Manuskripte. Durch seine Beharrlichkeit und hohe Forschungsstandards erschuf Buddecke eigenhändig eine solide Basis für eine künftige wissenschaftliche Beschäftigung mit Böhmes Werk und dessen früher Rezeption. Seit der Publikation dieses wichtigen Katalogs konnten weitere frühe Manuskripte identifiziert werden. Matthias Wenzel unterzog Buddeckes Band der dringend notwendigen Überarbeitung und Erweiterung und gab ihn 2000 unter Mitarbeit von Daniela Friese und Karin Stichel neu heraus. Seit dieser Publikation sind jedoch über 80 weitere Abschriften entdeckt worden – einschließlich wichtiger Materialbestände in Bibliotheken und Sammlungen in der Schweiz und in Polen. Dieses Projekt umfasst das deutschsprachige Manuskript-Material und wird eine weitere Erweiterung und, wo notwendig, Überarbeitung von Buddeckes wichtigem Referenzwerk leisten.